Alpakawolle ist die Antwort auf eine sehr häufige Frage: „Ich mag Wolle nicht – sie kratzt. Was kann ich stattdessen nehmen?" Sehr häufig ist die richtige Antwort: Alpaka.
Aber Alpakawolle ist mehr als eine Ausweichlösung für Wollkritiker. Sie ist eine außergewöhnliche Faser mit eigenen Stärken, eigenem Charakter und einer langen Geschichte. Dieser Artikel erklärt alles, was du über Alpakawolle wissen musst: woher sie kommt, was sie von Merinowolle unterscheidet, für welche Projekte sie sich eignet, wie man sie pflegt – und welche konkreten Alpakagarne bei BONIFAKTUR besonders empfehlenswert sind.
Das Alpaka: Ein südamerikanisches Tier mit außergewöhnlicher Faser
Alpakas sind Neuweltkamele – enger verwandt mit Lamas als mit Schafen. Sie stammen ursprünglich aus den Anden Südamerikas, wo sie auf Höhen zwischen 3.500 und 5.000 Metern leben. Diese extreme Umgebung – sengend heiß am Tag, eisig kalt in der Nacht, intensive UV-Strahlung auf dem Hochplateau – hat die Faser geformt.
Das andine Hochland ist die Heimat der Alpakazucht seit mindestens 6.000 Jahren. Die Inka schätzten Alpakawolle als eines ihrer wertvollsten Güter – Kleidung aus Alpakawolle war dem Adel vorbehalten. Die Spanier nannten sie „das Vlies der Götter". Diese Tradition lebt heute weiter: Peru, Bolivien und Chile sind die wichtigsten Produktionsländer, und das Handwerk der Alpakafaserverarbeitung ist dort über Generationen überliefert.
Es gibt zwei Alpaka-Rassen:
Huacaya: Der häufigere Typ, mit flauschigem, gewelltem Fleece, das Schafwolle ähnlich sieht. Die meisten Strickgarne kommen vom Huacaya.
Suri: Seltener und wertvoller. Das Fleece des Suri-Alpakas hängt in langen, seidigen, nicht gewellten Fasern herunter – ähnlich wie Dreadlocks. Suri-Alpakawolle hat einen charakteristischen Glanz, der anderen Alpakasorten fehlt. Suri-Garne sind aufwändiger zu verarbeiten und entsprechend teurer.
Was macht Alpakawolle einzigartig?
Alpakawolle unterscheidet sich von Schafwolle (einschließlich Merinowolle) in mehreren fundamentalen Eigenschaften:
Keine Schuppen wie Schafwolle
Die Oberflächenstruktur von Alpakafasern ist glatter als bei Schafwollfasern. Schafwolle hat ausgeprägte Schuppenränder auf jeder Faser – diese Schuppen sind es, die beim Tragen manchmal reizen. Alpakafasern sind glatter, die Schuppen weniger ausgeprägt. Das ist der Hauptgrund, warum Alpaka sehr viel weniger kratzt als Schafwolle.
Menschen, die auf Merinowolle empfindlich reagieren – auch auf feines, qualitativ hochwertiges Merino – vertragen Alpakawolle oft problemlos. Für Strickerinnen, die für Kinder oder empfindliche Menschen stricken, ist Alpaka oft die bessere Wahl.
Kein Lanolin
Alpakafasern enthalten kein Lanolin – das natürliche Fett in Schafwolle. Lanolin ist für die meisten Menschen unproblematisch, aber bei seltenen Fällen von Lanolin-Überempfindlichkeit können Schafwollprodukte Reaktionen auslösen. Alpakawolle ist von diesem Risiko vollständig frei.
Das macht Alpakawolle von Natur aus hypoallergen. Für Babykleidung bei Familien mit Wollempfindlichkeit ist Alpaka eine ausgezeichnete Alternative.
Hohle Fasern – ausgezeichnete Wärme bei minimalem Gewicht
Alpakafasern sind teilweise hohl – ähnlich wie Daunenfasern. Diese Hohlräume fangen Luft ein, was Alpaka zu einem außergewöhnlichen Isolator macht: sehr warm bei minimalem Gewicht. Ein leichter Alpakapullover wärmt mehr als ein gleich schwerer Wollpullover.
Das ist der Grund, warum Alpakakleidung in den Anden seit Jahrtausenden für extreme Höhenlagen verwendet wird – leicht genug, um auf einem Bergpfad zu tragen, warm genug für andine Winternächte.
Seidentyp Glanz
Alpakawolle hat einen natürlichen Glanz, der Merinowolle fehlt. Er ist nicht so ausgeprägt wie bei Seide oder Leinengarn, aber deutlich erkennbar. Dieser Glanz kommt besonders bei glatten Mustern (Glattstrick, einfache Rippen) zur Geltung – ein Pullover aus feinem Alpaka strahlt eine natürliche Eleganz aus, die andere Fasern nicht erreichen.
Feuchtigkeitsmanagement
Alpaka nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie ab – ähnlich wie Schafwolle, aber ohne das Lanolin, das bei manchen Menschen eine leicht fettige Haptik erzeugt. Feuchtes Alpaka fühlt sich kühl an, trocknet etwas langsamer als Wolle, aber ohne den Muff, den billige Synthetikfasern entwickeln.
Die Schwäche der Alpakawolle: fehlende Elastizität
Kein Material ist perfekt – und Alpakawolle hat eine spezifische Schwäche, die man kennen sollte: Sie hat wenig natürliche Rückfederkraft.
Die Fasern dehnen sich, aber springen nicht vollständig zurück. Das hat direkte Konsequenzen beim Stricken:
Stücke aus reinem Alpaka können sich mit der Zeit längen. Ein Pullover aus reinem Baby-Alpaka kann nach regelmäßigem Tragen am Saum und an den Ärmeln deutlich länger sein als nach dem Stricken. Das liegt an der fehlenden Rückfederung – das Eigengewicht des Stücks dehnt die Fasern langsam aus.
Strukturmuster kommen weniger plastisch zur Geltung. Zöpfe, Reliefs und andere Strukturmuster leben von der Rückfederung der Fasern – das ist der Grund, warum Zöpfe in Merinowolle so klar und scharf sitzen. In reinem Alpaka haben sie weniger Kontrast und Tiefe.
Für kurze Strukturen (Accessoires, Tücher, kurze Strickjacken) ist das kein Problem. Für lange Kleidungsstücke wie Cardigans und Pullover empfehlen wir Mischgarne: Alpaka kombiniert mit Wolle oder Seide gibt mehr Formstabilität und Rückfederung.
Standard-Alpaka vs. Baby-Alpaka: Was ist der Unterschied?
„Baby-Alpaka" klingt nach Wolle von jungen Tieren – aber das ist ein Missverständnis. Baby-Alpaka bezeichnet die feinste Qualitätsstufe der Alpakawolle, nicht das Alter des Tieres.
Alpakawolle wird nach Faserdurchmesser sortiert, ähnlich wie Merinowolle. Baby-Alpaka (auch „First Fleece" oder „Prima" genannt) sind die feinsten Fasern, typischerweise unter 22 Mikron – oft gewonnen von der ersten Schur junger Tiere oder von besonders feinen Körperzonen (Brust, Rücken).
Baby-Alpaka im Vergleich zu Standard-Alpaka:
– Weicher: Die feineren Fasern erzeugen eine spürbar zarterere Haptik auf der Haut
– Mehr Glanz: Dünnere Fasern reflektieren Licht gleichmäßiger
– Teurer: Die Selektion und Verarbeitung erfordert mehr Aufwand
– Ideal für: Babykleidung, Stücke, die direkt auf empfindlicher Haut getragen werden, festliche Accessoires
Standard-Alpaka ist weniger fein, aber immer noch deutlich weicher als viele Schafwollgarne. Für Stücke, die über Kleidung getragen werden (Cardigans über einem Hemd, Überwurf-Tücher), macht der Unterschied zu Baby-Alpaka weniger aus als bei direktem Hautkontakt.
Für welche Projekte eignet sich Alpakawolle?
Tücher, Stolas und Schals: Ausgezeichnet. Hier ist der charakteristische Drape von Alpaka ein reiner Vorteil. Ein Alpakatuch fällt anders als ein Wolltuch – weicher, fließender, mit mehr natürlicher Bewegung. Die fehlende Elastizität ist bei flächigen Stücken ohne Passformrelevanz kein Problem.
Accessoires (Mützen, Fäustlinge, Armstulpen): Sehr gut. Alpakawolle in Mützen ist warm und leicht – außergewöhnlich kombinierende Eigenschaften.
Leichte Pullover und kurze Strickjacken: Gut, mit Einschränkungen. Die fehlende Elastizität kann bei langen Kleidungsstücken zu einem Längen führen. Kurze Konstruktionen (Cropped Pullover, kurze Jacken) sind risikoärmer als lange Cardigans.
Babykleidung: Sehr gut, besonders Baby-Alpaka. Hypoallergen, weich, kein Lanolin. Für Babykleidung ist die schlechtere Pflegeleichtigkeit (kein Superwash, nur Handwäsche) ein Kompromiss – aber für besondere Stücke gut vertretbar.
Socken: Nicht empfohlen. Die fehlende Abriebfestigkeit von Alpakawolle (kein Nylon, keine Hartfasern) macht reine Alpakagarnsocken wenig haltbar. Für Alltagssocken gibt es besser geeignete Garne.
Alpaka vs. Merino: Die entscheidenden Unterschiede
| Eigenschaft | Alpakawolle | Merinowolle |
|---|---|---|
| Weichheit | Sehr weich, glattere Oberfläche | Sehr weich (Qualitätsmerino), etwas mehr Schuppenstruktur |
| Kratzen | Kaum kratzig, hypoallergen | Kaum kratzig (fein genug), aber empfindlicher |
| Elastizität | Gering – Stücke können sich längen | Hoch – Maschen federn zurück |
| Wärme/Gewicht | Sehr warm bei minimalem Gewicht | Warm, aber etwas schwerer als Alpaka |
| Glanz | Natürlicher Seidenglanz | Mattes bis leicht glänzendes Finish |
| Lanolin | Kein Lanolin (hypoallergen) | Enthält Lanolin |
| Pflegeleichtigkeit | Meist Handwäsche | Superwash-Varianten maschinenwaschbar |
| Strukturmuster | Weniger plastisch (durch geringe Elastizität) | Sehr klar und plastisch |
| Preis | Höher als Standardmerino | Variiert stark nach Qualität |
Pflege von Alpakagarnen und -stücken
Alpakawolle braucht zarte Pflege:
Waschen: Handwäsche bei max. 30°C, mit mildem Wollwaschmittel. Nicht-superwash-Alpaka verfilzt zwar langsamer als Schafwolle, ist aber nicht vollständig resistent gegen Filzen. Sanft eindrücken, nicht reiben.
Ausspülen: Mit Wasser derselben Temperatur – Temperaturwechsel können die Faserstruktur beeinflussen.
Auspressen: Sanft ausdrücken, in ein Handtuch einrollen und pressen. Nicht wringen oder drehen.
Trocknen: Immer flach trocknen. Feuchtes Alpaka dehnt sich unter seinem Eigengewicht erheblich. Ein feuchter Alpakapullover, der hängend trocknet, wird am Saum deutlich länger sein als erwartet.
Lagerung: Flach lagern, nicht hängen. Vor Motten schützen – Alpakawolle wird von Motten genauso geschätzt wie Schafwolle. Lavendel oder Zedernholz in der Nähe.



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