Wenn du eine Strickanleitung aufschlägst, steht dort meistens eine Angabe wie „Fingering Weight" oder „DK" – und wenn du neu im Stricken bist (oder schon eine Weile dabei, aber nie systematisch damit beschäftigt warst), fragst du dich kurz: Was genau ist das noch mal, und warum gibt es so viele verschiedene davon?
Dieser Artikel erklärt alle relevanten Garngewichte von Grund auf: Was sie bedeuten, wie man sie erkennt, für welche Projekte sie sich eignen, und wie du das richtige Gewicht für dein nächstes Projekt wählst.
Was bedeutet „Garngewicht" überhaupt?
Das Wort ist etwas irreführend. „Garngewicht" beschreibt nicht das Gewicht des Knäuels in Gramm – sondern wie sich ein Garn beim Stricken verhält: wie dick es auf der Nadel wirkt, welche Maschenprobe es erzeugt, welchen Griff und welchen Fall (Drape) das fertige Gestrick hat. Deshalb wird es auch oft einfach mit dem englischen Begriff "Yarn Weight" angegeben. So machen wir das auch um Verwirrung zu vermeiden.
Das Garngewicht bestimmt:
- Welche Nadelstärke du verwendest
- Wie viele Maschen du auf 10cm strickst (die sogenannte Maschenprobe)
- Wie schnell ein Projekt wächst
- Welche Art von Projekten am besten dazu passen
- Wie viel Garn du für ein bestimmtes Projekt brauchst
Das Garngewicht wird vom Hersteller angegeben – auf dem Etikett, in der Produktbeschreibung, im Shop und auf Plattformen wie Ravelry. Die Bezeichnungen „DK", „Worsted" oder „Aran" kommen ursprünglich aus dem britischen und amerikanischen Stricksystem und beschreiben grobe Kategoriebereiche – keine exakten Werte.
Lauflänge als erster Anhaltspunkt – aber nicht allein entscheidend
Die Lauflänge pro 100g (je mehr Meter, desto dünner das Garn) ist ein nützlicher erster Orientierungspunkt beim Garneinkauf – aber sie ist nicht der einzige Faktor. Denn die Lauflänge hängt nicht nur von der Garndicke ab, sondern auch vom Material: Pflanzliche Fasern wie Leinen und Baumwolle sind dichter und schwerer als Wolle. Das bedeutet: Ein Leinengarn wie BC Garn Lino hat bei 300m/100g (das Garn kommt in 50g Knäuel) deutlich weniger Lauflänge als ein Wollgarn gleicher Dicke hätte – trotzdem verhält es sich beim Stricken wie ein Fingering-Garn (Nadelstärke 3–4mm, vergleichbare Maschenprobe).
Deshalb gilt: Die Lauflänge eignet sich gut für Vergleiche innerhalb einer Faserart (Wolle mit Wolle, Baumwolle mit Baumwolle). Für die Bestimmung des Garngewichts über Materialgruppen hinweg ist sie allein nicht ausreichend. Die vom Hersteller angegebene Gewichtsklasse, die empfohlene Nadelstärke und vor allem die Maschenprobe sind gemeinsam die verlässlichsten Indikatoren.
Lace (Gewichtsklasse 0)
Lauflänge: 600–1000m+ pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 1,5–2,5mm (manchmal auch größer für offene Strukturen) Maschenprobe: 32–40 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Hauchdünne Stolas, filigrane Tücher, dekorative Lace-Elemente
Lace ist das feinste aktiv gestrickte Gewicht. Die Fasern sind so dünn, dass man mit dem bloßen Auge kaum die einzelnen Fäden sieht. Auf 2mm Nadeln entstehen dichte, stabile Strukturen – auf 3–4mm entstehen offene, luftige Muster, die transparent wirken.
Der Schlüsselschritt bei Lace-Projekten ist das Blockieren: das Wässern des fertigen Stückstücks und Aufspannen auf Maßen. Erst nach dem Blockieren entfaltet ein Lace-Tuch seine vollständige Schönheit – die Muster öffnen sich, die Konturen werden klar. Ungeblockt wirkt Lace oft zusammengeknautscht und wenig eindrucksvoll.
Für Einsteiger ist Lace anspruchsvoll – aber wer eine ruhige Stunde und Zählausdauer mitbringt, wird mit einem Ergebnis belohnt, das mit keinem anderen Gewicht erreichbar ist.
Typische Lace-Garne bei BONIFAKTUR: KFO Soft Silk Mohair (225m/25g), Malabrigo Lace, Holst Garn Titicaca (400m/50g, 100% Alpaka)
Light Fingering (Gewichtsklasse 1 / Superfine)
Lauflänge: 450–600m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 1,75–2,5mm Maschenprobe: 32–38 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Sehr feine Socken, zarte Tücher, japanische Strickmuster
Light Fingering liegt zwischen Lace und Standard-Fingering. Das Gewicht findet sich in vielen traditionellen nordischen und japanischen Strickmustern, bei denen besonders feine Maschen gewünscht sind. Ein Paar Socken in Light Fingering wiegt kaum etwas und sitzt dabei außergewöhnlich gleichmäßig.
Der Unterschied zu Standard-Fingering ist subtil – aber wer einmal mit Light Fingering gestrickt hat, versteht ihn sofort. Die Stücke wirken feiner, transparenter, und haben eine Eleganz, die etwas schwerer gestrickte Stücke nicht ganz erreichen.
Fingering (Gewichtsklasse 1 / 4-ply)
Lauflänge: 360–420m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 2–3,5mm Maschenprobe: 28–32 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Socken, Tücher, feine Pullover, Babykleidung, Colorwork
Fingering ist das beliebteste Strickgewicht der Welt – und das aus gutem Grund. Die Kombination aus feinem Maschenbild und echter Alltagstauglichkeit macht Fingering zum Universalgewicht, das in keinem Strickkorb fehlen sollte.
Die meisten Sockengarne sind Fingering – das liegt an der Maschendichte: 28–32 Maschen auf 10cm ergeben eine Struktur, die dem Tragen und Waschen langfristig standhält. Gleichzeitig ist die Maschenanzahl fein genug für Colorwork und Lace-Einschübe.
Für Tücher bietet Fingering eine schöne Balance: fein genug für Muster und Farbverläufe, substanziell genug für ein Stückstück mit echtem Gewicht und Drape. Ein großes Fading-Tuch aus Fingering-Merino ist ein Klassiker, der kaum aus der Mode kommt.
Typische Fingering-Garne bei BONIFAKTUR: KFO Merino (250m/50g), Madelinetosh Tosh Merino Light (384m/107g), Hedgehog Fibres Sock Yarn (400m/100g)
Ein Sonderfall: BC Garn Lino (300m/100g, 100% Leinen) wird vom Hersteller als Fingering geführt – obwohl die Lauflänge eher im Sport-Bereich liegt. Der Grund: Leinen ist deutlich dichter als Wolle, das gleiche Garngewicht ergibt weniger Meter pro 100g. Auf der Nadel (3–4mm) und in der Maschenprobe verhält sich Lino wie ein Fingering-Garn. Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Lauflänge allein nicht das Garngewicht bestimmt.
Sport Weight (Gewichtsklasse 2 / Fine)
Lauflänge: 250–350m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 3–3,75mm Maschenprobe: 24–28 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Leichte Pullover, Babykleidung, Sommerkleidung, Tücher
Sport Weight ist das Zwischengewicht, das häufig übersehen wird – zu Unrecht. Es liegt zwischen Fingering und DK und bietet das Beste aus beiden Welten: feiner als DK (mehr Maschendefinition, feinere Details), schneller als Fingering (weniger Maschen, mehr Fortschritt pro Runde).
Für Babygarderobe ist Sport Weight oft das ideale Gewicht: Projekte sind schnell genug für Motivation, das Stückstück ist fein genug für zarte Babyhaut, und kleine Kinderjacken in Sport Weight sind in einem langen Wochenende fertig.
Typische Sport-Garne bei BONIFAKTUR: Rauma Finull (350m/100g, 100% Schurwolle)
DK (Double Knitting, Gewichtsklasse 3 / Light)
Lauflänge: 200–250m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 3,5–4,5mm Maschenprobe: 20–24 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Pullover, Mützen, Jacken, Cardigans, Kinderkleidung, Colorwork
DK ist der Sweet Spot. „Double Knitting" stammt aus dem britischen System und bezeichnete ursprünglich ein Garn, das doppelt so dick wie ein Lace-Garn ist. Heute beschreibt es ein mittleres Gewicht, das für die Mehrheit aller Strickprojekte geeignet ist.
Auf 3,5–4,5mm Nadeln entstehen Stücke mit einem klaren, gut sichtbaren Maschenbild. DK ist schnell genug für große Projekte, fein genug für Muster. Colorwork und Norwegermuster kommen in DK ausgezeichnet zur Geltung – Sandnes Peer Gynt ist der klassische DK-Vertreter für nordische Strickmuster.
Für Anfänger ist DK ein hervorragender Einstieg: Die Nadeln (3,5–4,5mm) sind handlich, Maschen gut sichtbar, und Fehler leicht erkennbar.
Typisches DK-Garn bei BONIFAKTUR: Sandnes Peer Gynt (91m/50g, Nadelstärke 3,5–4mm). Peer Gynt zeigt übrigens einen ähnlichen Effekt wie Lino: Die dichte norwegische Schurwolle ergibt eine niedrigere Lauflänge pro 100g als andere DK-Garne – trotzdem ist und bleibt es ein DK-Garn, weil Maschenprobe und Strickverhalten klar in diese Kategorie fallen.
Worsted (Gewichtsklasse 4 / Medium)
Lauflänge: 180–200m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 4,5–5,5mm Maschenprobe: 16–20 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Schnelle Pullover, Schals, Mützen, Cardigans
Worsted ist dicker als DK und ergibt Projekte, die merklich schneller wachsen. Eine einfache Mütze in Worsted ist in einem Abend fertig, ein Schal in einem Wochenende.
Das Wort „Worsted" hat zwei Bedeutungen: Es beschreibt einerseits das Gewicht (hier diskutiert), andererseits eine spezifische Spinnmethode (Kammgarn), bei der die Fasern parallel ausgerichtet werden. Ein „Worsted-gesponnenes" Garn ist glatter und fester als ein „woolen-gesponnenes" Garn – und diese Methode ergibt das klare, saubere Maschenbild, für das Worsted-Weight-Garne bekannt sind.
Malabrigo Rios ist das Paradebeispiel für Premium-Worsted: handgefärbt, weich, mit tiefen Farbtönen, die in Strukturmustern außergewöhnlich schön wirken.
Typische Worsted-Garne bei BONIFAKTUR: KFO Heavy Merino (125m/50g, Nadelstärke 4,5mm), Malabrigo Rios (192m/100g), Lang Yarns Infinity
Aran (Gewichtsklasse 4–5 / Medium-Bulky)
Lauflänge: 140–180m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 5–6mm Maschenprobe: 16–18 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Warme Winterpullover, Zopfmuster, Aran-Designs, Decken
Aran Weight ist nach den Aran-Inseln vor der irischen Westküste benannt – wo Fischerinnen seit Generationen dicke, strukturierte Pullover stricken, die dem Atlantikwetter trotzen. Das Gewicht trägt diesen Geist: kräftig, warm, mit Substanz.
Aran eignet sich besonders gut für Strukturmuster: Zöpfe, Waben, Rauten und die klassischen Aran-Motive kommen in diesem Gewicht plastischer zur Geltung als in DK – die größeren Maschen geben den Mustern mehr Tiefe.
Für Einsteiger, die ihren ersten strukturierten Pullover stricken möchten: Aran Weight auf 5–6mm ist überschaubar, die Maschen sind gut sichtbar, und der Fortschritt ist motivierend.
Chunky / Bulky (Gewichtsklasse 5–6)
Lauflänge: 80–120m pro 100g Empfohlene Nadelstärke: 6–10mm Maschenprobe: 12–15 Maschen auf 10cm Typische Projekte: Schnelle Schals, Mützen, Hausschuhe, Decken, Körbe
Das schnellste Strickgewicht. Auf dicken Nadeln entstehen Stücke, die in wenigen Stunden fertig sind. Chunky-Garne haben ihren festen Platz für Schnellprojekte und für Anfänger, die sofort Ergebnisse sehen wollen.
Für detaillierte Musterarbeit ist Chunky weniger geeignet – die Maschen sind zu grob für filigrane Strukturen. Aber für einen kuscheligen Grobstrickschal oder einen schnellen Kinderpullover: perfekt.
Wie wähle ich das richtige Gewicht?
Schritt 1 – Anleitung zuerst: Wenn du eine bestimmte Anleitung stricken möchtest, gibt sie das Gewicht vor. Halte dich daran – und genau hier zeigt sich, warum Garngewichte so praktisch sind: Wenn dir das angegebene Garn nicht gefällt oder nicht verfügbar ist, kannst du es durch jedes andere Garn derselben Gewichtsklasse ersetzen. Ein Modell in DK gestrickt? Dann funktioniert grundsätzlich jedes andere DK-Garn als Ersatz. Das ist der ganze Sinn der Gewichtskategorien – sie machen Garne innerhalb einer Klasse austauschbar. Wichtig dabei: Orientiere dich am Garngewicht, nicht an der Lauflänge. Und strick in jedem Fall eine Maschenprobe, um sicherzugehen, dass dein Ersatzgarn mit den gleichen Nadeln die gleiche Maschenprobe erreicht.
Schritt 2 – Projekt überlegen: Wenn du ein Garn kaufst und noch kein Projekt im Sinn hast, überlege:
- Socken → Fingering
- Tücher → Lace bis Fingering
- Alltagspullover → DK bis Worsted
- Schnelle Projekte / Geschenke → Worsted bis Aran
- Babykleidung → Sport bis DK
Schritt 3 – Maschenprobe stricken: Das ist der einzige Schritt, der wirklich garantiert, dass dein Projekt die richtige Größe bekommt. Strick ein 15x15cm-Stück, wäsche es wie das fertige Projekt, messe nach dem Trocknen. Stimmt die Maschenprobe nicht: andere Nadelstärke.
Übersicht: Garngewichte, Lauflängen und Maschenproben
Die folgende Tabelle zeigt die typischen Lauflängen und Maschenproben für jede Gewichtsklasse. Die Lauflängen-Werte beziehen sich auf Wollgarne – bei pflanzlichen Fasern (Baumwolle, Leinen) oder Mischungen können sie deutlich abweichen, obwohl das Garn in derselben Gewichtsklasse liegt.
| Kategorie | US/UK Name | Lauflänge (ca. pro 100g, Wolle) | Nadelstärke | Maschenprobe (auf 10cm) |
|---|---|---|---|---|
| 0 - Lace | Lace / 2-ply | 600m – 1000m+ | 1,5–2,5mm | 32–40+ |
| 1 - Super Fine | Fingering / 4-ply | 360m – 450m | 2–3,5mm | 28–32 |
| 2 - Fine | Sport Weight | 250m – 350m | 3–3,75mm | 24–28 |
| 3 - Light | DK (Double Knit) | 200m – 250m | 3,5–4,5mm | 20–24 |
| 4 - Medium | Worsted | 180m – 220m | 4,5–5,5mm | 16–20 |
| 4–5 | Aran | 140m – 180m | 5–6mm | 16–18 |
| 5 - Bulky | Chunky | 80m – 120m | 6–10mm | 12–15 |
Diese Werte überschneiden sich naturgemäß an den Übergängen – ein konkretes Garn liegt manchmal zwischen zwei Kategorien. Das ist normal und kein Widerspruch. Im Zweifel gilt: die Herstellerangabe zum Garngewicht beachten, die empfohlene Nadelstärke prüfen, und die Maschenprobe stricken. Die entscheidet am Ende.
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